Zmagovalec avstrijskega izbora za Evropski pesniški turnir 2012 je Reinhard Lechner

28 september 2012

Zmagovalec avstrijskega izbora za Evropski pesniški turnir 2012 je Reinhard Lechner

The winner of Austrian selection for European Poetical Tournament 2012 is Reinhard Lechner.

Strokovna komisija, v sestavi Markus Jaroschka, Helwig Brunner in Brigit Pölzl je za najboljšo pesem na avstrijskem izboru za EPT 2012 izbrala pesem gesichter, umschlagend.

 

gesichter, umschlagend

 

der schlitz für die passwörter,

ich krieche durch

ins künstliche tageslicht;

 

hier fristen unsere identitäten:

surrend, überdosiert, fernbedient wie das patenkind aus ghana –

„arbeitet bei“, „in einer beziehung mit“ – diese wirklichkeit wiegt höchstens 3, 4 karat; kein tun-wort, knisternd vor fotosynthese, wir gleiten auf skeletonschlitten hohle, hohle phrasen hinab;

 

auf der website herrscht masse:

ein bit fällt, der schwarm ändert die richtung;

sätze, botoxglatt; ein photo: der spaß posiert, aber diese studenten sind nicht bei menschenkraft; wieder tritt ein name ein – zahlen, floskeln befallen ihn, stumm wie zecken;

 

erzählungen heute: flashmobs, sie verdutzen den passanten, eine fliegt als meerschildkröte durch die straße, sie streift mich, erschrickt, ihr kopf zieht sich in den panzer wie beauvoir  in ein gedankengebäude ging; sie findet ihren geburtsstrand, auf die körner genau, ich sah babel bei der berührung;

 

der wald war ein großer russischer roman, ich trug mich in dein stammbuch,

die bäume: alte adelige, meine schrift schlug in ein kardiogramm aus,

wir lagen tief in der tropfsteingrotte,

aber bildschirmlicht traf unsere gesichter im schlaf;

 

ein systemfehler: für zwei minunten ist das internet ein drehkreuz, ich bin drinnen, schleiche an dein brustbild, ein kuss: madame tussauds; du postest „gehe ins nachtleben!“ –  ich sehe zu dir aus dem laptop, dem spionspiegel;

 

erzählungen heute:

der flüchtling betrat den nebel, die polizeistaffel kam von allen seiten,

leere, verwirrung: es war das letzte kapitel seiner geschichte, dunkel, dumpf, fallende lakritztaler; biographie, die konferenz jedes einzelnen mit dem großen inneren, war zu ende;

hieroglyphen zeigten den „hasen“ und die „offene tür“;

keiner der männer fand zurück aus dem oktaeder des täters;

 

wir haben 1996, der wald: ein literarischer fahrplan, ich trage einen glitzernden nebensatz in dein stammbuch, er bewegt sich, ein kahn, der den kyrillischen fließtext hinab gleitet! die bäume, ein priviligierter clan, nehmen familienaufstellung, meine schrift schlägt in ein psychogramm aus –

wir lagen tief in den charakteren anna kareninas, von den zapfen fiel peripetie,

wir dachten nie, dass der zeitstrahl von timeline uns in fiktion verkleidet fände:

 

wir erwachten nicht, aber unser traum, die mächtige transsib, hielt auf einer brücke; was war geschehen?

niemand  stieg aus, das schwarz des bodens wurde nahtlos das der tiefe, alles nahm ein ende ohne erklärung, der traum bekam pixelränder, bedeutung glitt hinaus in die satellitenstadt;

 

„werden wir intarsien der oberfläche einer großen ruhe!“

 

wir stehen uns gegenüber, unsere gesichter überwachungsmonitore, zu sehen ist ein landweg, in dir zentral, in mir von oben – wir beide, tief im akkemtal; gletschermilch fließt, die pilze riechen stark,  auf einer lichtung glänzt eine metapher: sie hat uns erkannt!

 

umarmt spüren wir den anderen wachsen,

im driftenden nebenschiff

der weiten,

einhornweißen, orthodoxen kirche

 

Reinhard Lechner

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